26.07.2025
Auf der Kunstbiennale in Venedig bin ich regelmäßig, während ich die Architekturbiennale eher beiläufig 2021 nach einer Alpenüberquerung mit dem Rad von München nach Venedig entdeckte. Das Leitmotiv „How will we live together?“ und die Exponate waren am Puls der Zeit und künstlerisch, erkenntnistheoretisch und interdisziplinär so inspirierend, dass ich 2025 gerne zurückkehre.
Eine Woche vor der Hochzeit der Bezos und am Tag, da ein Teil der öffentlichen Verkehrsbetriebe aus Protest gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse im Allgemeinen und für ein freies Palästina im Besonderen streikt.
An diesem Wochenende misst das Smartphone 34 °C in Venedig und untermauert eine der Kernaussagen der Biennale: die globale Erwärmung unserer Städte. Der deutsche Pavillon des Kurator:innenteams Nicola Borgmann, Elisabeth Endres, Gabriele G. Kiefer und Daniele Santucci in den Giardini transformiert diese Thematik ästhetisch erfahrbar in eine Multimedia-Show im Mittelbau, flankiert auf der einen Seite von einem stählern schweren Heißluftraum mit Wärmebildkamera und auf der anderen Seite von einem Raum mit natürlichen Hainbuchen. Etappe 1 im Stresstest.
Zum Stresstest schlechthin wird dann die Begehung des schwarz ausgekleideten, stickigen Eröffnungsraums im Arsenale, mit einem flachen Wasserbecken, das wie ein Ölteppich reflektiert. Die Installation ist eine Gemeinschaftsarbeit des Büros Transsolar und der Fondazione Pistoletto. Die verspiegelten Wände und die eingeleitete Abluft machen die Hitze physisch erfahrbar. Ich verliere bei der Begehung die Orientierung, gerate fast ins Taumeln. Die Eröffnungssequenz in Kim Stanley Robinsons Roman Das Ministerium für die Zukunft kommt mir wieder in den Sinn, in dem während einer anhaltenden Hitzeperiode in Indien Menschen zunächst um Kühlaggregate, dann um einen Platz im See und schließlich ums pure Überleben vergeblich kämpfen.
Gegen die Nachhaltigkeit dieser literarischen Beschreibung hält der visuelle Eindruck im deutschen Pavillon, auf dessen Dach die Windhosen in der Flaute matt herabhängen, nicht lange an.
Der kanadische Pavillon überrascht unterdessen mit dem Forschungsprojekt Picoplanktonics der ETH Zürich, das aus der Fragestellung erwächst, ob Menschen der Erde auch etwas zurückzugeben vermögen anstatt sie nur auszubeuten. Dabei soll ein sich selbst regenerierender Rohstoff aus dem Cyanobakterium Synechococcus PCC7002, das CO2 aus der Luft bindet, speichert und Sauerstoff und Mineralien an die Atmosphäre abgibt, als Fassadenmaterial eingesetzt werden. Ein zukunftsweisendes Projekt.
Der britische Pavillon überzeugt wiederum mit einer Ästhetik der Restitution und der Anerkennung der Kolonisierung Kenias durch das Vereinigte Königreich Großbritanniens. Die Konstellation des Firmaments am Tag der britischen Landnahme und Besetzung Kenias wird auf der Scheibe auf einem Sockel nachgebildet und mit Pfeilen gesäumt, deren Spitzen in den Boden zeigen und im übertragenen Sinn auf die Bodenschätze und deren Raubbau verweisen. Angedeutet ist auch der Wiederaufbau in Gaza mit löchrigen Backsteinen aus dem Gazastreifen.
Der amerikanische Pavillon stellt die offene Veranda als traditionelles Bauelement amerikanischer Familienhäuser in den Vordergrund. The Porch - ein Übergang zwischen Innen und Außen, ein Freiraum auch politischer Natur. Das gleichnamige Buch von Charlie Hailey findet sich in der Bibliothek im Pavillon an prominenter Stelle neben Autor:innen des amerikanischen und britischen Nature writing wie Robert Macfarlane, Rachel Carson, Robin Wall Kimmerer, Henry D. Thoreau. Ich greife es mir, lasse mich in einem Hängesessel auf der offenen Veranda des amerikanischen Pavillons nieder und beginne zu lesen: „On a sloped porch we learn to practise resilience.“ Auf einer abschüssigen Veranda lernen wir Resilienz zu üben. Ich denke dabei an Muren, an Gletscherabbrüche, an Geröllfelder, an sämtliche Gefälle und Steigungsgrade dieser Welt, die uns Menschen immer wieder zurückwerfen und in die Schwerkraft katapultieren. Aber auch an das Baugerüst an den Fassaden unseres Mehrparteienhauses: ließen sich begehbare Gerüstflächen als Veranda nutzen?
Der polnische Pavillon spielt mit Baudetails zu unserer aller Sicherheit, wie Nischen für Heilige oder für Feuerlöscher. Das klingt nicht nur kurios, sondern ist auch eine augenzwinkernde Perspektive auf eine Nischenarchitektur, die unser aller Sicherheitsbedürfnis stärken soll.
Der ägyptische Pavillon erlaubt den Besucher:innen die auf einer saalfüllenden Wippe positionierten, unterschiedlich hohen Kästen mit Beschriftungen wie Kultureinrichtungen, Infrastruktur, Gemeinwesen eigenhändig zu versetzen und somit das ökologische Un-(Gleichgewicht) zwischen Entwicklung und Bestand sicht- und spürbar zu ermessen. Die ägyptischen Oasen dienen dabei der Veranschaulichung eines Mikrokosmos im prekären Gleichgewicht.
Am äußersten Ende des Arsenale steht auf der Freifläche eine 21 Meter lange Steintafel, die sich aus mehreren Granitblöcken und Quarzquadern zusammensetzt, die mit Stahllitzen tollkühn verdrillt sind und die je nach Annäherung und Begehung unterschiedliche Akkorde anstimmen und Schwingungen im Stein freisetzen.
Die Installation Lithic Cords ist eine interdisziplinäre Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Veroneser Steinvertrieb Cereser, der Architektin Cristina Morbi, dem Klangkünstler Andrea Granitzio, dem Bauingenieur Francesco Banchini und der Stiftung Pinuccio Sciola. Der sardische Steinbildhauer Sciola hat die Tonalität der Klangsteine bereits in den 70er Jahren in seinem Geburtsort San Sperate auf Sardinien entdeckt. Heute ist dort ein Museum mit Steinskulpturen und Klangsteinen zu besichtigen und zu bespielen. Sciola ist 2016 verstorben. Ganz unbekannt ist er auch in Deutschland nicht. Eine Steinskulptur von ihm findet sich z. B. in Kirchheim an der Teck. Was es bedeutet, sich in einen Stein hineinzuversetzen, dem Material Stein auf den Grund zu gehen, die harte Materie begreifen zu wollen, hat der Philosoph und Umweltwissenschaftler Federico Luisetti in seinem Essay Essere pietra untersucht. Das Büchlein erscheint Ende Juli 2025 unter dem Titel Stein sein in der deutschen Übersetzung von Sabine Schulz im Diaphanes Verlag, Zürich. Das Original mit einem Umschlag, dessen Papier aus Algen gewonnen wurde, ist 2024 von Wetlands in Venedig verlegt worden, einem unabhängigen Verlag, der soziale mit ökologischer Nachhaltigkeit verbindet.
Ambitioniert ist auch das Gemeinschaftsprojekt der Kurator:innen des Schweizer Pavillons in den Giardini, die einen Entwurf der Schweizer Architektin Lisbeth Sachs nachempfunden haben und der Frage nachgehen, was wäre, wenn nicht Bruno Giacometti, sondern die Pionierin und Zeitgenossin mit dem Bau des Schweizer Pavillons beauftragt worden wäre. Unter dem Titel „Endgültige Form wird von der Architektin am Bau bestimmt“ stehen grau getünchte Paneele aus Holzlatten schräg versetzt als Raumteiler und Ausstellungsflächen in dem Pavillon und können durch weiße Vorhänge an runden Laufschienen durchgängig gemacht oder voneinander abgetrennt werden. Die Umsetzung entspricht dem Bauprojekt SAFFA, das Lisbeth Sachs 1958 für eine temporäre Ausstellung über Frauenarbeit konzipiert hatte. Ergänzend dazu gibt es eine Klanginstallation mit Aufnahmen aus der Bauphase, die darauf verweisen sollen, dass Frauen mehr und besseres Gehör verdienen.
Dass Frauen bedingt durch ihre Sozialisation über einen besonderen Sinn für Gemeinschaft und Kommunikation im öffentlichen Raum verfügen, vertritt auch Elena Granata, Städteplanerin und Professorin am Polytechnikum in Mailand, in ihrem 2023 bei Einaudi, Turin erschienenen Buch Il senso delle donne per la Città (Das Gespür der Frauen für die Stadt). Frauen sind lösungsorientiert und erfinden täglich praktische Dinge, um sich selbst zu helfen. Fänden sie als Architektinnen und Städteplanerinnen mehr Gehör in den Verwaltungen, Ämtern und Planungsbüros, würden sie die vorgefundenen Gegebenheiten weniger fotografierend und schreibend dokumentieren müssen, sondern die Umgestaltung unserer Städte aktiv betreiben. Elena Granata ist Gründungsmitglied der italienischen Organisation PlanetB, einem Zusammenschluss von Städteplaner:innen, Landschaftsarchitekt:innen, Journalist:innen und Pädagog:innen, in der es darum geht, Orte und Städte so zu verändern, damit wir bleiben und nicht fliehen wollen.
Im Arsenale gibt es Zeitschautafeln mit den Erfindungen des Menschen und deren Auswirkungen auf die Umwelt. The Curse of dimensionality (Der Fluch der Dimensionalität) ist ein Beitrag, der Bedrohungsszenarien durch Algorithmen auswerten lässt, die Konfliktherde und -zonen auf der Welt bestimmen und die Wahrscheinlichkeit errechnen, wann und wo die nächste Eskalation in einem Krieg ausbricht. Der Fluch der Dimensionalität bezeichnet die Problematik der Vorhersage bei zunehmender Vielheit von Daten. Allem Anschein nach liegt der Fluch dieser Prognosen auch darin, dass die Menschheit dennoch nicht in der Lage ist, die Konflikte de-eskalierend zu befrieden.
Das könnte auch zum Vorteil der Menschheit gereichen, wenn die Auswertung der Daten durch die Künstliche Intelligenz zunehmend unsicher wird und für die Zuverlässigkeit datenbasierter Prognosen wieder die Expertise von Humanwissenschaftlern benötigt wird.
Das wiederum wäre eine Form des Zusammenlebens und Wirkens, wie ich sie mir für die Zukunft vorstellen könnte.


