Kommunikation in Wort & Schrift

Kalligrafie

12.08.2026

Corea in 1950. 전쟁, the three-year war between North and South Corea, which ended on 27th of July in 1953 and resulted in 4 Mio. victims on all sides.

What matters a war from the last century nowadays? It left traumatized people, one of them is the shadow of experienced violence which is present in the performance NAMI shown during the dance festival Tanzwerkstatt Europa in Munich.

NAMI is about rewriting the history of HER story by breaking patterns to move forward and towards a new coexistence in the future.

The choreographer and dancer Susanne Schneider leads the introduction and invites the audience at the Schwere-Reiter Theatre in Munich on 6th and 7th of July 2026 to lie down on the floor and to relax for a moment: Listen to your body and breathe. Breath is a symbol for stamina and endurance. After a while you calm down; then opens the door to the stage  and the audience enters the space where the performance will take place.

You see signs on the floor. Colored Origami paper shapes symbolize body and mind which can be folded and unfolded to discover patterns and disorders. You see green, red, blue, yellow stripes, arrows which properly show directions, but could even be Corean signs. You see two women: Jin Lee, a young dancer and choreographer and Kyung Mee Lee, an elder female performer. Daughter and mother: they walk around the room; they ignore each other, their relationship is obviously distanced, or is it the Corean culture that does not allow too many emotions? We do not know, yet.

NAMI means in ancient Corean “sea”, and in modern Corean language “stranger”. Nami is the title of this performance of three generations of females, the Corean war 6.25, the violence between a mother towards her own child and the mother’s heritage as a grown-up in raising and loving her own daughter between pain, depression, rage, care, etc. and in the very end it’s about freedom: Kyung Mee Lee was mistreated by her mother, Jin Lee’s grandmother. A burden that makes it difficult to love and accept her own daughter how she is.

NAMI is about being hurt by your own family, it is about how to break the logic and chain of violence by accepting and trusting you and your child both as strong characters. 

NAMI is about the sadness of not being supported, of not being loved, of being rejected, of missed occasions. It is about being misunderstood, the continuous dialogue between education and freedom, authority, power and force and the antagonist freedom, about letting go and holding on.

The daughter straightens her arm and invites the mother to move together in her direction. The mother does the same, but her arm expands to the opposite side as if she would not allow to be controlled by her daughter. Finally, both start to follow each other for one arm length vice versa, and this might be the most evident moment of the show, because this simple change of arms, hands and direction demonstrates the care and trust for and in each other, and it opens the course for the future.

At the end it is a Corean mother-daughter couple to teach the audience from a Western hemisphere how to allow emotions, how to be touched by their story, and to reflect our own mother-child relationship. This is intercultural exchange as its best. But it is even more: It reflects our relationships with women bodies as birth givers, and the vulnerability of man- and womankind. Birth hurts, and so does family. At the end of tears, traumatic experiences and several episodes of re-traumatization stands literally – on a huge paper unfolded on the theatre’s wall, carrying the number of years beginning in 1962 ,as well as  Corean signs, photos of mother and daughter, handwritten emotional status descriptions on stripes that form waves and the final word: FREEDOM.

A must see. A must repeat. Be excited to learn more about Zinada.

Landschaftsstipendium der Fondazione Benetton

05.06.2026

Die Fondazione Benetton Studi Ricerche vergibt jährlich Landschaftsstipendien zur Förderung des akademischen Nachwuchses in den Forschungsdisziplinen Landschafts- und Gartenkultur sowie Ortspflege. Thematisch sind die Stipendien dem kulturellen Umfeld und Tätigkeitsfeld der drei Persönlichkeiten zugeordnet, die für die wissenschaftliche Arbeit der Stiftung seit ihrer Gründung richtungsweisend sind:


    •    Sven-Ingvar Andersson (Landschaftsplanung)

    •    Rosario Assunto (Landschaftstheorien und -politik)

    •    Ippolito Pizzetti (Natur und Garten)


Für den zwölften Zyklus 2026/2027 ist die Vergabe von zwei Aufenthaltsstipendien für jeweils sechs Monate in einer der drei Disziplinen vorgesehen, die zur Auswahl der Kandidat:innen stehen. Bevorzugt werden Vorschläge mit originellen, innovativen Inhalten, die der wissenschaftlichen Ausrichtung der Stiftung entsprechen. Jedes Stipendium ist mit € 10.000,00 (brutto) dotiert. Die Dauer der Aufenthaltsstipendien beträgt einmalig sechs Monate und läuft vom 15. Januar 2027 bis zum 15. Juli 2027. Die Ausschreibung richtet sich an italienische und ausländische Hochschulabsolvent:innen (MA) sowie Postgraduierte, die am 31. August 2026 das 40. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Forschungsstipendiat:innen oder solche, die eine öffentliche oder private Stelle innehaben und einer regelmäßigen Berufstätigkeit nachgehen, sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Voraussetzung sind gute Kenntnisse der italienischen Sprache in Wort und Schrift. Die Kandidat:innen werden ausnahmslos anhand ihrer Bewerbungsunterlagen ausgewählt. Die Auswahl der Stipendiat:innen erfolgt durch eine interne Kommission, die eigens hierzu von der Stiftung eingesetzt wird. Die Kommission behält sich das Recht vor, Kandidat:innen zu Vorstellungsgesprächen einzuladen.

Die Bewerbungsfrist endet am Montag, den 31. August 2026, 12 Uhr mittags.


Die vollständigen Ausschreibungsunterlagen findet ihr hier.


06.05.2026

Weltkino

Jemand, der einmal ich war

Dokumentarfilm (102 min) von Regina Schilling

Kamera: Johann Feindt 

Schnitt: Carina Mergens

Darstellerin: Sandra Hüller



»Und immer heißt einer Hans«, sagt Undine in Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr. Das Übliche. 

»Ich musste das weibliche Ich ersticken, um als männliches Ich zu überleben«, sagt Ingeborg Bachmann in Regina Schillings Film Jemand, der einmal ich war. Damit sie unter den Literaten der Gruppe 47 Akzeptanz erfahren durfte, möchte ich nach der Filmvorführung hinzufügen.

Sieh nur, wie diese männlichen Blicke Unverständnis ausdrücken, als sie, als Ingeborg, als die Bachmann endlich ausgezeichnet wird. Das Archivmaterial spricht Bände verunheimlichter Frauengeschichte. Wenn Ingeborg in Regina Schillings Dokumentarfilm in die Kamera blickt, erkenne ich das erste Mal eine Facette ihres Wesens, die mir bislang verborgen geblieben war: ihre Ambiguität, ihre Nonbinarität in der damaligen, der ihrigen, der irrigen Zeit, in der es noch keine Benennung dafür gab. In einer der Montagen aus dem Archivmaterial erzählt ein Literaturkritiker auf die Frage, warum es in der deutschen Literaturlandschaft zwischen Droste-Hülshoff und Bachmann höchstens 13 weibliche Schriftsteller gäbe, etwas davon, dass der Beruf des Schriftstellers »ungewöhnlich für Frauen ist, die üblicherweise mehr für den Haushalt geeignet sind.« 

1962 behandeln die Ärzte Ingeborg Bachmann als alte Frau, als eine in den Wechseljahren, das Übliche. Mit 36 Jahren stellt man ihr bereits die Weichen für das Abstellgleis. Das nennt man Misogynie auf hohem Niveau. Das Übliche.

Regina Schilling öffnet den Blick für das Verborgene, in die Abgründe, in die römische Schmerz(g)lücke, in das Unvermögen des Zusammenlebens zweier Schriftsteller, in die Eingeweide, in die endgültige Abtötung des Weiblichen durch die Hysterektomie nach der Trennung von Max Frisch. Die Entfernung von Ingeborgs Gebärmutter führt zum Triumph des Männlichen. 

Bei der Weltpremiere im Münchner Deutschen Theater im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals nannten die Regisseurin und die Moderatorin Ingeborg eine starke Frau. Für mich bleibt sie nach dem Dokumentarfilm Jemand, der einmal ich war nicht nur semantisch ein Mann, der seine weibliche Seite verleugnen musste, um unter Männern bestehen zu können. ER steckt schließlich schon im Familiennamen Bachmann. In manchen Kameraeinstellungen rollt diese Person die Augen derart verzückt gen Himmel, dass sie mich an ekstatische  Heiligendarstellungen erinnert. 

Sandra Hüller mimt diese Ingeborg mit ebenbürtiger Ambivalenz.  In diesen Tagen läuft der Kinofilm Rose an, in dem sie einen Mann spielt: die hohe Kunst der Metamorphose einer Schauspielerin in der Gegenwart. Ingeborg Bachmann vermochte durch das Schreiben der ihr übergestülpten Hülle zu entfliehen. Sandra Hüller streift nach neun Drehtagen in Rom diese Rolle wieder ab und gleitet in die nächste. Das ist Professionalität.


Nach der Filmpremiere im Deutschen Theater geleiteten frische Blutstropfen auf den marmorierten Steintreppen die Zuschauer*innen in das Foyer. Kein Theaterblut. Hier hatte eine Medusa Aderlass begangen. Das Sinnbild der Fruchtbarkeit liess Blut perlen, das jemand - womöglich das Sujet - zum Überschäumen gebracht hatte.


Und ich dachte an Florentina Holzinger, die indes als Glockenschlägel vor dem österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig kopfüber baumelte und die gestundete Zeit in der Vertikalen anschlug.


Heute wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Ihre  Prosa und Lyrik sind von unverminderter Aktualität und literarischer Qualität. Der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hat heute ebenfalls begonnen. Gespanntes Warten auf Weltliteratur. Auch Regina Schillings Film über Ingeborg Bachmann läuft heute in den Kinos an.  Autor*innenschaft erzählt in Bildern. Dank sei dem Weltkino-Verleih. 

©sbf2026

07.11.2025

Embodied language meets pink paper—
a smooth takeoff into the flow, enhanced by the whispering wind.


Occasionally, severe body instructions cross our path. Most of them sound strange, like a military command to move horizontally, two by two, or in three-four time. Splitting like a cell, or lining up in a Fibonacci sequence. Climbing walls or navigating other kinds of obstacles.

Instructions for a mind-body.
Rules that keep—not the world—but at least our body in motion. At best, in connection and interaction with another body: the body of a group, or even the body of an object.

And on very rare occasions, an air current raises a sheet of paper like a whirl of leaves, dispelling every notion of bones, muscles, and flesh under pressure. The bias of the tissue is not blushing, but rosy. Pink. A rectangle underground, roughly two feet by one and a half, signed by a cascade of black letters: directions, bends, loops, knots. Words and expressions that echo in your limbic system as a reader.

Suddenly, a voice asks from the staircase:
“Do you trust me?”
One floor up, a woman with a pink strand of hair grasps the rosy paper with both hands and replies,
“Yes, I do.”
“Let it fall,” says the voice.

She opens her palms. The pink paper makes a nosedive, then begins to rise, driven by invisible forces. Grammage forms waves. Movement enrolls in paper and carries the sheet downstairs, step by step, continuously reshaped by the architecture of the wooden staircase.

In a kind of slow motion, the pink paper adapts its density to every single unevenness. The tissue snuggles against the fabric of the building effortless fluidity in the middle of the stairwell. A whistle, like a whispering gust, beats the rhythm of this song. Waved like seagrass by the wind, the paper folds and unfolds in eternal formations. It exudes a scent of freshly melting snow at a salty seaside, mixed with vetiver and rosemary. An evaporation of randomly moving particles.

The sheet follows its own rules until it makes the grade and spins at the half landing. There, it reaches out toward a pile of 1,000 sheets: a multiplicity of available body movements, delicate and fluently articulated.

Observe the landscape in the space: a random performance of a vivid paper sheet at the opening of The Future Body in Recent Past exhibition at Munich's Brandhorst Museum in 2022—moving bodies.

Human bodies are based on different flows: the lymph flow, the blood flow, and the information flow within the limbic system. Sometimes a body flows outward. Sometimes two bodies flow into each other. Eventually, they pour out into water as pulsing organisms until they evaporate.

Those moments of complete immersion and awareness: that’s what creates flow.

“Could you feel it?” the voice asks.
And the woman standing on the floor below nods.
She unwraps herself from an imaginary sheet of paper.
Her pink strand of hair forms an ampersand—
and now the flow is yours.


Published on Spotlight@adancemag


26.07.2025

Auf der Kunstbiennale in Venedig bin ich regelmäßig, während ich die Architekturbiennale eher beiläufig 2021 nach einer Alpenüberquerung mit dem Rad von München nach Venedig entdeckte. Das Leitmotiv „How will we live together?“ und die Exponate waren am Puls der Zeit und künstlerisch, erkenntnistheoretisch und interdisziplinär so inspirierend, dass ich 2025 gerne zurückkehre. 

Eine Woche vor der Hochzeit der Bezos und am Tag, da ein Teil der öffentlichen Verkehrsbetriebe aus Protest gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse im Allgemeinen und für ein freies Palästina im Besonderen streikt.


An diesem Wochenende misst das Smartphone 34 °C in Venedig und untermauert eine der Kernaussagen der Biennale: die globale Erwärmung unserer Städte. Der deutsche Pavillon des Kurator:innenteams  Nicola Borgmann, Elisabeth Endres, Gabriele G. Kiefer und Daniele Santucci in den Giardini transformiert diese Thematik ästhetisch erfahrbar in eine Multimedia-Show im Mittelbau, flankiert auf der einen Seite von einem stählern schweren Heißluftraum mit Wärmebildkamera und auf der anderen Seite von einem Raum mit natürlichen Hainbuchen.  Etappe 1 im Stresstest.

Zum Stresstest schlechthin wird dann die Begehung des schwarz ausgekleideten, stickigen Eröffnungsraums im Arsenale, mit einem flachen Wasserbecken, das wie ein Ölteppich reflektiert. Die Installation ist eine Gemeinschaftsarbeit des Büros Transsolar und der Fondazione Pistoletto. Die verspiegelten Wände und die eingeleitete Abluft machen die Hitze physisch erfahrbar. Ich verliere bei der Begehung die Orientierung, gerate fast ins Taumeln. Die Eröffnungssequenz in Kim Stanley Robinsons Roman Das Ministerium für die Zukunft kommt mir wieder in den Sinn, in dem während einer anhaltenden Hitzeperiode in Indien Menschen zunächst um Kühlaggregate, dann um einen Platz im See und schließlich ums pure Überleben vergeblich kämpfen.

Gegen die Nachhaltigkeit dieser literarischen Beschreibung hält der visuelle Eindruck im deutschen Pavillon, auf dessen Dach die Windhosen in der Flaute matt herabhängen, nicht lange an.


Der kanadische Pavillon überrascht unterdessen mit dem Forschungsprojekt Picoplanktonics der ETH Zürich, das aus der Fragestellung erwächst, ob Menschen der Erde auch etwas zurückzugeben vermögen anstatt sie nur auszubeuten. Dabei soll ein sich selbst regenerierender Rohstoff aus dem Cyanobakterium Synechococcus PCC7002, das CO2 aus der Luft bindet, speichert und Sauerstoff und Mineralien an die Atmosphäre abgibt, als Fassadenmaterial eingesetzt werden. Ein zukunftsweisendes Projekt.


Der britische Pavillon überzeugt wiederum mit einer Ästhetik der Restitution und der Anerkennung der Kolonisierung Kenias durch das Vereinigte Königreich Großbritanniens. Die Konstellation des Firmaments am Tag der britischen Landnahme und Besetzung Kenias wird auf der Scheibe auf einem Sockel nachgebildet und mit Pfeilen gesäumt, deren Spitzen in den Boden zeigen und im übertragenen Sinn auf die Bodenschätze und deren Raubbau verweisen. Angedeutet ist auch der Wiederaufbau in Gaza mit löchrigen Backsteinen aus dem Gazastreifen.


Der amerikanische Pavillon stellt die offene Veranda als traditionelles Bauelement amerikanischer Familienhäuser in den Vordergrund. The Porch - ein Übergang zwischen Innen und Außen, ein Freiraum auch politischer Natur. Das gleichnamige Buch von Charlie Hailey findet sich in der Bibliothek im Pavillon an prominenter Stelle neben Autor:innen des amerikanischen und britischen Nature writing wie Robert Macfarlane, Rachel Carson, Robin Wall Kimmerer, Henry D. Thoreau. Ich greife es mir, lasse mich in einem Hängesessel auf der offenen Veranda des amerikanischen Pavillons nieder und beginne zu lesen: „On a sloped porch we learn to practise resilience.“ Auf einer abschüssigen Veranda lernen wir Resilienz zu üben. Ich denke dabei an Muren, an Gletscherabbrüche, an Geröllfelder, an sämtliche Gefälle und Steigungsgrade dieser Welt, die uns Menschen immer wieder zurückwerfen und in die Schwerkraft katapultieren. Aber auch an das Baugerüst an den Fassaden unseres Mehrparteienhauses: ließen sich begehbare Gerüstflächen als Veranda nutzen?


Der polnische Pavillon spielt mit Baudetails zu unserer aller Sicherheit, wie Nischen für Heilige oder für Feuerlöscher. Das klingt nicht nur kurios, sondern ist auch eine augenzwinkernde Perspektive auf eine Nischenarchitektur, die unser aller Sicherheitsbedürfnis stärken soll. 

Der ägyptische Pavillon erlaubt den Besucher:innen die auf einer saalfüllenden Wippe positionierten, unterschiedlich hohen Kästen mit Beschriftungen wie Kultureinrichtungen, Infrastruktur, Gemeinwesen eigenhändig zu versetzen und somit das ökologische Un-(Gleichgewicht) zwischen Entwicklung und Bestand sicht- und spürbar zu ermessen. Die ägyptischen Oasen dienen dabei der Veranschaulichung eines Mikrokosmos im prekären Gleichgewicht.


Am äußersten Ende des Arsenale steht auf der Freifläche eine 21 Meter lange Steintafel, die sich aus mehreren Granitblöcken und Quarzquadern zusammensetzt, die mit Stahllitzen tollkühn verdrillt sind und die je nach Annäherung und Begehung unterschiedliche Akkorde anstimmen und Schwingungen im Stein freisetzen.


Die Installation Lithic Cords ist eine interdisziplinäre Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Veroneser Steinvertrieb Cereser, der Architektin Cristina Morbi, dem Klangkünstler Andrea Granitzio, dem Bauingenieur Francesco Banchini und der Stiftung Pinuccio Sciola. Der sardische Steinbildhauer Sciola hat die Tonalität der Klangsteine bereits in den 70er Jahren in seinem Geburtsort San Sperate auf Sardinien entdeckt. Heute ist dort ein Museum mit Steinskulpturen und Klangsteinen zu besichtigen und zu bespielen. Sciola ist 2016 verstorben. Ganz unbekannt ist er auch in Deutschland nicht. Eine Steinskulptur von ihm findet sich z. B. in Kirchheim an der Teck. Was es bedeutet, sich in einen Stein hineinzuversetzen, dem Material Stein auf den Grund zu gehen, die harte Materie begreifen zu wollen, hat der Philosoph und Umweltwissenschaftler Federico Luisetti in seinem Essay Essere pietra untersucht. Das Büchlein erscheint Ende Juli 2025 unter dem Titel Stein sein in der deutschen Übersetzung von Sabine Schulz im Diaphanes Verlag, Zürich. Das Original mit einem Umschlag, dessen Papier aus Algen gewonnen wurde, ist 2024 von Wetlands in Venedig verlegt worden, einem unabhängigen Verlag, der soziale mit ökologischer Nachhaltigkeit verbindet.


Ambitioniert ist auch das Gemeinschaftsprojekt der Kurator:innen des Schweizer Pavillons in den Giardini, die einen Entwurf der Schweizer Architektin Lisbeth Sachs nachempfunden haben und der Frage nachgehen, was wäre, wenn nicht Bruno Giacometti, sondern die Pionierin und Zeitgenossin mit dem Bau des Schweizer Pavillons beauftragt worden wäre. Unter dem Titel „Endgültige Form wird von der Architektin am Bau bestimmt“ stehen grau getünchte Paneele aus Holzlatten schräg versetzt als Raumteiler und Ausstellungsflächen in dem Pavillon und können durch weiße Vorhänge an runden Laufschienen durchgängig gemacht oder voneinander abgetrennt werden. Die Umsetzung entspricht dem Bauprojekt SAFFA, das Lisbeth Sachs 1958 für eine temporäre Ausstellung über Frauenarbeit konzipiert hatte. Ergänzend dazu gibt es eine Klanginstallation mit Aufnahmen aus der Bauphase, die darauf verweisen sollen, dass Frauen mehr und besseres Gehör verdienen.


Dass Frauen bedingt durch ihre Sozialisation über einen besonderen Sinn für Gemeinschaft und Kommunikation im öffentlichen Raum verfügen, vertritt auch Elena Granata, Städteplanerin und Professorin am Polytechnikum in Mailand, in ihrem 2023 bei Einaudi, Turin erschienenen Buch Il senso delle donne per la Città (Das Gespür der Frauen für die Stadt). Frauen sind lösungsorientiert und erfinden täglich praktische Dinge, um sich selbst zu helfen. Fänden sie als Architektinnen und Städteplanerinnen mehr Gehör in den Verwaltungen, Ämtern und Planungsbüros, würden sie die vorgefundenen Gegebenheiten weniger fotografierend und schreibend dokumentieren müssen, sondern die Umgestaltung unserer Städte aktiv betreiben. Elena Granata ist Gründungsmitglied der italienischen Organisation PlanetB, einem Zusammenschluss von Städteplaner:innen, Landschaftsarchitekt:innen, Journalist:innen und Pädagog:innen, in der es darum geht, Orte und Städte so zu verändern, damit wir bleiben und nicht fliehen wollen.


Im Arsenale gibt es Zeitschautafeln mit den Erfindungen des Menschen und deren Auswirkungen auf die Umwelt. The Curse of dimensionality (Der Fluch der Dimensionalität) ist ein Beitrag, der Bedrohungsszenarien durch Algorithmen auswerten lässt, die Konfliktherde und -zonen auf der Welt bestimmen und die Wahrscheinlichkeit errechnen, wann und wo die nächste Eskalation in einem Krieg ausbricht. Der Fluch der Dimensionalität bezeichnet die Problematik der Vorhersage bei zunehmender Vielheit von Daten. Allem Anschein nach liegt der Fluch dieser Prognosen auch darin, dass die Menschheit dennoch nicht in der Lage ist, die Konflikte de-eskalierend zu befrieden. 

Das könnte  auch zum Vorteil der Menschheit gereichen, wenn die Auswertung der Daten durch die Künstliche Intelligenz zunehmend unsicher wird und für die Zuverlässigkeit datenbasierter Prognosen wieder die Expertise von Humanwissenschaftlern benötigt wird.


Das wiederum wäre eine Form des Zusammenlebens und Wirkens, wie ich sie mir für die Zukunft vorstellen könnte.