Kommunikation in Wort & Schrift

Kalligrafie

28.10.2026

Die Stücke der Windrose von Mauricio Kagel in einer konzertanten Aufführung des Ensembles der/gelbe/klang, dirigiert von Vladimir Jurowski, dem Generalmusikdirektor des Bayrischen Staatsorchesters.


»Der Komponist Mauricio Kagel war gebürtiger Argentinier mit osteuropäischen Wurzeln, der in Deutschland lebte. Ihm stand eine Schatztruhe unterschiedlicher Kultureinflüsse zur Verfügung, aus der er Inspiration für seine Kompositionen schöpfte.  Die Stücke der Windrose ist eine Komposition für Orchester und Stehgeiger und Geografie für Fortgeschrittene. Die Bestimmung der Himmelsrichtungen sagt viel über den eigenen Standpunkt aus. Kagel hat die einzelnen Fragmente Nordosten, Osten, Südosten, Süden, Südwesten, Westen, Nordwesten, Norden in dieser Reihenfolge zwischen 1988 und 1994 komponiert, jedoch nicht vorgegeben, wo der Anfang ist.« 

(Vladimir Jurowski)


Je nach Standpunkt kann die Kompassnadel nach Nordwesten oder Nordosten zeigen. Schon hebt sich der Taktstock aus dem matten Schwarz des Bühnenraums, und der Bogen der Cellistin streicht über die Saiten des Violoncellos. Am Klavier setzt eine waschbrettgrimmige Partitur an, wird durch den lieblich verspielten Refrain der Klarinette unterbrochen. Der prägnant gezupfte Kontrabass begleitet die gehämmerten Klaviertasten. Geigen setzen ein, gleiten die Tonleiter verspielt hinauf, begleitet durch das Crescendo eines Harmoniums. Das Klavier setzt vibrierende Tupfer, schwingt in einen Walzer über, schon wähnt man sich in einer Revue, gleich sind wir in Babylon Berlin; im Hintergrund beschwert sich keckernd das Violoncello, blafft die Klarinette, imitiert eine Trompete und mimt den Elefanten. Sind wir schon in Indien? Eine Flöte setzt Kontraste, Klavier und Klarinette erheben sich zu aufbrausendem Klang, hinterlassen eine Reminiszenz an ein Musical und entschwinden sogleich im himbeerfarbenen Klang des Schlagwerks in die Sphären tibetanischer Klöster, ehe das Klavier wieder den Rhythmus bestimmt und ein Kater sich langsam vortastet. Schon bricht das schraffierende Dissonanzenchaos ein. Tastenschläge wie Pfoten, allmählich, slow motion, im Resonanzkörper des Klaviers in Zeitlupe ausklingend.

Ein Tastenanschlag, das zarte Tippen der Fingerkuppen setzt eins drauf, geht über in akut gezupfte Saiten. Berstend schmettert es plötzlich durch den Raum und klatschend schwappt der Klang über zu einem Trommeln mit der Hand im Zickzack auf Holz. Oh weh, oh weh, eine Sirene brilliert vibrierend. Stille. Ein zartes Kräuseln der Töne, jetzt traben Hufschläge zwischen Styropor und Stehgeigen heran, ein Klavierstreich kommt zum Einsatz. Ohhhh, pfeilgerade, Absturz, Serpentinenzickzack mündet knackig in ein Jeté, ein Fußtritt, ein Gong. Auf einen Schlag der Anstieg im Ganzen. Der Percussionist schwingt die Hufe, dazu setzen Klavier, Cello, Viola und Violinen in hohen Tonlagen ein. Tönerne Windschwingungen, gequälte, schrille Gegentöne, eia, aua, so eisig stechend sind Cirruswolken. Ach, och, herrje, raunt die Klarinette. Schwarze Tasten klimpern gegen weiße Anschlagfarbe. Fehlfarben. Die Klarinette grätscht dazwischen, eine Grille zirpt, das Flattern eines Flügelschlags, das Trompetenhorn des Jupiter wird übertönt vom Elefantenrüssel. Jäh unterbrochen durch vorwitziges Tirilitirila, zarte Tastenanschläge, eine Terz höher divergieren die Streicher im Crescendo mit zartem Klopfen und Schlagen auf Schlagstock. China und Geishas in Südwest vermengen sich wahllos, aber reichlich in Fließendes. Die Schlägel klöppeln, eine Büchse scheppert. Stopp, sagt die Klarinette. Das Klavier setzt ein, die Klarinette imitiert Zapfen, Klaviertremolo, Geige, Cello, Kontrabass melden sich im Dreiklang zu Wort. Styropor knistert stichelnd, Perlen kullern, Wind kommt auf, verfängt in einem zusammengeknüllten Blatt Papier. Jemand klopft, entfaltet vehement und eindringlich, die Infanterie rückt an, sirenenartig warnt die Flöte. Stockschlag, Taktgeber, lieblich Bärengebrüll kommt näher. Brunftzeit. Ein Röhren, weit entfernt tropft Wasser. Schreie: Hey, hey, wo sind wir denn im Trommelwirbel? Metallbecken schwingen schmetternd durch die Luft, abrupter Abbruch, etwas fällt herunter. Klatschen.


NORDOSTEN. OSTEN. SÜDOSTEN. SÜDEN. SÜDWESTEN. PAUSE.


»Kagel schöpft seine Kompositionen aus dem Fundus indigener Instrumente. Das ist keine Aneignung, sondern Polystilistik. Er bleibt bei sich selbst« (Vladimir Jurowski)


WESTEN. NORDWESTEN. NORDEN.


Nervöse kurze Tastenanschläge, hin und her. Klarinette drängt sich zwischen Regentropfen, wird verdichtet durch Geige, Cello, Kontrabass und Schlagzeug. Hau drauf! Rhythmus vor Refrain. Ein hohles Klopfen rundet ab. „Hey, Hey, geht‘s noch?“, raunen die Streicher. Die Klarinette quetscht sich quasselnd dazwischen. Dissonante Discordia. Treppenstufen rauf- und runterhüpfend raunt das Cello: „Denk an die Tonleiter!“ Xylophon trommelt wie Kodo durch den Raum: Tada da da tata do. Punkt, Punkt, glucksend stahl die Marimba das Vibraphon: „Hallo ist hier jemand?“ ES drängt tapsig durch den Kreis. Hohlklopfend das Becken der Klangschalen. Stufe um Stufe hämmert das Klavier ranzig raunend quetschkommodig, dem Crescendo zugeneigt. Voran macht sich einen Weg im Spielsatz, expandiert klar im Resonanzkörper bis: „Jetzt reicht’s“, faucht die Klarinette dazwischen; alle regen sich auf, das Violoncello wird ausfällig. „Neu jetzt, oder?“ „Streich, streich, zapf die Zeche“; die Töne stehen zu Gesicht in wilden Strichen wie zur Tagzählung in Gefängniszellen. Hufschlag, blasses Blubbern, Untergang. Leise streicht der Pinsel über das Trommelfell. Heh, sagt das klimpernde Klavier, die Klarinette jault dazwischen, grient: „Och, jetzt wird’s filmisch.“ In der Wüste schlängelt sich eine Sandviper seitwärts den Hang hinauf; Vögel flattern auf, fliegen weg, warnen einander. Der Bär wackelt tapsig den Hang hinauf, darauf die Seherin mäandert stetig, Krone punktiert, huch! Hin und auf in die Stenografie der Wellenförmigkeit. Keuchend kreppt die Glücksfee, genießt das Glucksen. Huhu, huch, wieviel Angst im Arm bis zum mehrmaligen Anschlag, schon legt sich das nervöse Getapse auf die Lauer, absprungbereit, nun wird es endlich – Mundharmonika beendet das Drama, obwohl die Tapser weiter voranschreiten, während die Ameisen völlig aufgewühlt durcheinander rennen. Klarinette ist jetzt oben. Klavierend tapst die Mundharmonika voran. Ga, go, soweit. Geht ja nicht!

Geht gut. Auf und ab Glimmer, gestricheltes Gekurve. Gewitter im Anmarsch, akute Töne klingen leise aus. Hektik, Mensch taktet in 2/3, 4/8, ¾, 5/8, 6/8 – oder Besen klammert sich quengelnd an Flöte hell so blau: „Geh nicht weg!“ Zirkel enthäutet die Kuhglocken im Humus, anyway, mal ehrlich, ähnliche Klangkleckser ... Sind wir schon im Norden? Knirschende Dissonanzen schweifen ab. Lieber dunkel ohne Atom. Trilobular, umami, Madame hacke, bete, Hackepeter; zwetschgengestreuselt klagt, haut, hämmert die Person massiv durch Almas Diskordanzen. „Ju, juhu, es schneit!“, kehlköpft der Rhythmus der Gezeiten. Afrika schreitet voran. Geraune. Punkt. Klatschen.

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Ein Schlag auf Metallblech: einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal, beim siebten Mal köpfend auf blauer Rhapsodie. Konzertante Einstimmigkeit der Instrumente. Bienengesumse und Geschrei im Indian Summer. Spielt das der Innenraum? Wer stapft wo auf Holz? Auf dem Dachboden, vielleicht im Schiffsbauch, oder Schuhplattler im Laderaum, Planke, gequältes Gesumme schmiert ab im Raum. Klimperdipimper, streich schiefe Klingen, weiter zu Trommel- und Stockschlag. Geraune, womöglich vor dem Buckingham Palace. Da kommt ein zarter Schritt, ein Staubwirbel, fliegende Libelle pirscht sich frech heran, dreimaliges Aufschlagen, gleich öffnet sich das Tor, die Angel glückselig aushebend. Geht alles durcheinander, querfeldein durch die Beete. Da kommt die Queen in der Kutsche über Steinkopfpflaster. Holterdipolter, quetsch mich ein. Feldein, feldaus, dazwischen Gemunkel, ein flüsterndes Nachäffen. Stockschlag ruft zur Ordnung. Pfiff. Zwitschern. Die Vogelpfeife neben klaren Streichern. Saitenanschlag dissonant enervierend, schon wieder! Ja. Aus. 

Trauernd, jammernd, klirrend tanzen zehn Finger. Windmetall scheppert im Wirbelsturm, steigert sich in rot, röter am rötesten, noch, nöcher am nöchersten, bis zum mehrmaligen Überschlag, dann winden sich Seilschlingen hinab. Drummer imitiert gepflegt den Rollton. Der Stock klopft auf den Boden: einmal, zweimal, dreimal. Gedämpfte Klarinette lässt den Ton vertikal zirkulieren. Erneuter Stockeinsatz: einmal, zweimal … die dritte Geige, Cello und Kontrabass bäumen sich auf, wehren sich gemeinsam. Wieder der Stockeinsatz: tief, tiefer, Schlagzeug. Zickzack, zickig zackig schwirren die Farbtöne in unterschiedlichen Oktaven durch den Raum. Schrilles Geklatsche, Geraune, die Streicher reagieren darauf nervös. Wohin gehen die Töne, wenn sie nicht entweichen können? Jetzt wird’s untertonig, das Klavier bricht eine Oktave tiefer vibrierend durch. Ach, was soll das nun wieder? Steigen wir hinab in Blaubarts Leichenkeller, oder besser angsterfüllt dem Keller entweichen, obwohl das Universum dort unten fröhlich verlockend, flüsternd flötet: „Tonalität gefährdet den Sound.“ Zum Bersten angespannt, zu all dem macht sich der Reim … der Refrain, ein Blatt Papier im Wind gebogen, geflogen, schon schmettert die Klarinette, klatscht der Teppichklopfer zum Missfallen des Violoncellos. Jetzt wird es anstrengend, weil alle Instrumente gleichzeitig Hektik verbreiten. Ich sehne mich nach Stille. Warum ist das denn so anstrengend im Norden, heult die windgepeitschte Klarinette auf. Zier dich nicht, so klatscht nun mal des Meeressaumes Wasser im Wellengang. Tod der Klarinette, die da immer nachmault! Den letzten Ton haben nochmal die Wellen, jetzt schlägt’s 13, metallblätterner Absturz. Der Norden ist nicht mehr. Der Eisberg bricht ein, dreht sich, stürzt ab in Schallgeschwindigkeit. Wirbel, Waschbrettgeschrammel. Die Klarinette führt den Ton noch tiefer in die Kungelei, schon reißt das Geklimper entzwei. Die Tonalität, die Enge, gesellt sich nörgelnd zur brummenden Klarinette in D-Moll. Auf einen Streich die Geigen im Reigen. So ein Zoff! Glocken schellen schrill, schon klopft Arvo Pärt zur tabula rasa an. Doch daraus wird nichts. Zart bleibt die beschlagene Szenerie glöckern stehen. Nichts als weißes Schweigen. 


APPLAUS.


©sbf2026


Das Konzert fand am 10. Juli 2026 im Schwere Reiter München statt und wurde am 22. September 2026 in BR Klassik Radio ausgestrahlt. Die Klangbeschreibung folgt meinem Gehör und meinen Empfindungen während der Radiosendung.



  

Zinada’s NAMI traces historical trauma during Tanzwerkstatt Europa

12.08.2026

Korea, 1950. 전쟁 – Korean for "war" – was the three-year conflict between North and South Korea that ended on 27 July 1953 and left four million victims on all sides.

Why does a war from the last century matter today? It left behind traumatized people, and the shadow of that violence is still present, and is visible in NAMI, the performance shown during the dance festival Tanzwerkstatt Europa in Munich.

NAMI is about rewriting the history of HER story by breaking patterns to move forward toward a new coexistence in the future.

At the Schwere-Reiter Theatre in Munich, on 6 and 7 August 2026, choreographer and dancer Susanne Schneider leads the introduction, inviting the audience to lie down on the floor and relax for a moment: listen to your body and breathe. Breath is a symbol for stamina and endurance. After a while you calm down; then the door to the stage opens, and the audience enters the space where the performance will take place.

You see signs on the floor. Colored paper shapes symbolize body and mind, which can be folded and unfolded to discover patterns and disorders. You see green, red, blue, and yellow stripes, arrows that seem to show directions but could just as easily be Korean characters. You see two women: Jin Lee, a young dancer and choreographer, and Kyung Mee Lee, an elder female performer. Daughter and mother: they walk around the room; they ignore each other; their relationship is distanced, or is it Korean culture that does not allow too many emotions? We don't know yet.

In modern Korean, NA means "I/me" and MI means “beauty”; MI is also Kyung Mee Lee’s nickname: so, the title of this performance can also be interpreted as “me and my mother”. However, it refers to three generations of women: the Korean War of 1950 (6.25) and his impact on Jin Lee’s grandmother, the violence a mother inflicts on her own child, and the legacy she carries into raising and loving her own daughter between pain, depression, rage, and care. In the very end, it's about freedom: Kyung Mee Lee was mistreated by her mother, Jin Lee's grandmother, a burden that made it difficult for her to love herself and accept her own daughter as she is. Being hurt by your own family; the performance is about how to break the logic and chain of violence by accepting and trusting both yourself and your child as strong characters.

NAMI is about the sadness of not being supported, of being rejected, of missed occasions. It is about being misunderstood; about the continuous dialogue between education and freedom, between authority, power, and force and their antagonist, freedom; about letting go and holding on.

The daughter straightens her arm and invites the mother to move with her, in her direction. The mother does the same, but her arm extends the opposite way, as if she refuses to be controlled by her daughter. Finally, both begin to follow each other, one arm's length at a time and then vice versa, and this might be the most telling moment of the show, because this simple shift of arms, hands, and direction demonstrates the care and trust for and in each other and opens a path toward the future.

This Korean mother-daughter pair invites us to reflect on our own mother-child relationship and to show emotion. This is intercultural exchange at its best. But it is even more: it reflects on our relationship to women's bodies as givers of birth, and on the vulnerability of both men and women. Birth hurts, and so does family.

At the end of tears, traumatic experiences, and several episodes of re-traumatization stands – literally – a huge sheet of paper unfolded on the theatre's wall, carrying the years beginning in 1962, Korean characters, photos of mother and daughter, handwritten emotional status descriptions on stripes that form waves, and the final word: FREEDOM.

A must see. A must repeat. Be excited to learn more about Zinada.


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Landschaftsstipendium der Fondazione Benetton

05.06.2026

Die Fondazione Benetton Studi Ricerche vergibt jährlich Landschaftsstipendien zur Förderung des akademischen Nachwuchses in den Forschungsdisziplinen Landschafts- und Gartenkultur sowie Ortspflege. Thematisch sind die Stipendien dem kulturellen Umfeld und Tätigkeitsfeld der drei Persönlichkeiten zugeordnet, die für die wissenschaftliche Arbeit der Stiftung seit ihrer Gründung richtungsweisend sind:


    •    Sven-Ingvar Andersson (Landschaftsplanung)

    •    Rosario Assunto (Landschaftstheorien und -politik)

    •    Ippolito Pizzetti (Natur und Garten)


Für den zwölften Zyklus 2026/2027 ist die Vergabe von zwei Aufenthaltsstipendien für jeweils sechs Monate in einer der drei Disziplinen vorgesehen, die zur Auswahl der Kandidat:innen stehen. Bevorzugt werden Vorschläge mit originellen, innovativen Inhalten, die der wissenschaftlichen Ausrichtung der Stiftung entsprechen. Jedes Stipendium ist mit € 10.000,00 (brutto) dotiert. Die Dauer der Aufenthaltsstipendien beträgt einmalig sechs Monate und läuft vom 15. Januar 2027 bis zum 15. Juli 2027. Die Ausschreibung richtet sich an italienische und ausländische Hochschulabsolvent:innen (MA) sowie Postgraduierte, die am 31. August 2026 das 40. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Forschungsstipendiat:innen oder solche, die eine öffentliche oder private Stelle innehaben und einer regelmäßigen Berufstätigkeit nachgehen, sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Voraussetzung sind gute Kenntnisse der italienischen Sprache in Wort und Schrift. Die Kandidat:innen werden ausnahmslos anhand ihrer Bewerbungsunterlagen ausgewählt. Die Auswahl der Stipendiat:innen erfolgt durch eine interne Kommission, die eigens hierzu von der Stiftung eingesetzt wird. Die Kommission behält sich das Recht vor, Kandidat:innen zu Vorstellungsgesprächen einzuladen.

Die Bewerbungsfrist endet am Montag, den 31. August 2026, 12 Uhr mittags.


Die vollständigen Ausschreibungsunterlagen findet ihr hier.


06.05.2026

Weltkino

Jemand, der einmal ich war

Dokumentarfilm (102 min) von Regina Schilling

Kamera: Johann Feindt 

Schnitt: Carina Mergens

Darstellerin: Sandra Hüller



»Und immer heißt einer Hans«, sagt Undine in Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr. Das Übliche. 

»Ich musste das weibliche Ich ersticken, um als männliches Ich zu überleben«, sagt Ingeborg Bachmann in Regina Schillings Film Jemand, der einmal ich war. Damit sie unter den Literaten der Gruppe 47 Akzeptanz erfahren durfte, möchte ich nach der Filmvorführung hinzufügen.

Sieh nur, wie diese männlichen Blicke Unverständnis ausdrücken, als sie, als Ingeborg, als die Bachmann endlich ausgezeichnet wird. Das Archivmaterial spricht Bände verunheimlichter Frauengeschichte. Wenn Ingeborg in Regina Schillings Dokumentarfilm in die Kamera blickt, erkenne ich das erste Mal eine Facette ihres Wesens, die mir bislang verborgen geblieben war: ihre Ambiguität, ihre Nonbinarität in der damaligen, der ihrigen, der irrigen Zeit, in der es noch keine Benennung dafür gab. In einer der Montagen aus dem Archivmaterial erzählt ein Literaturkritiker auf die Frage, warum es in der deutschen Literaturlandschaft zwischen Droste-Hülshoff und Bachmann höchstens 13 weibliche Schriftsteller gäbe, etwas davon, dass der Beruf des Schriftstellers »ungewöhnlich für Frauen ist, die üblicherweise mehr für den Haushalt geeignet sind.« 

1962 behandeln die Ärzte Ingeborg Bachmann als alte Frau, als eine in den Wechseljahren, das Übliche. Mit 36 Jahren stellt man ihr bereits die Weichen für das Abstellgleis. Das nennt man Misogynie auf hohem Niveau. Das Übliche.

Regina Schilling öffnet den Blick für das Verborgene, in die Abgründe, in die römische Schmerz(g)lücke, in das Unvermögen des Zusammenlebens zweier Schriftsteller, in die Eingeweide, in die endgültige Abtötung des Weiblichen durch die Hysterektomie nach der Trennung von Max Frisch. Die Entfernung von Ingeborgs Gebärmutter führt zum Triumph des Männlichen. 

Bei der Weltpremiere im Münchner Deutschen Theater im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals nannten die Regisseurin und die Moderatorin Ingeborg eine starke Frau. Für mich bleibt sie nach dem Dokumentarfilm Jemand, der einmal ich war nicht nur semantisch ein Mann, der seine weibliche Seite verleugnen musste, um unter Männern bestehen zu können. ER steckt schließlich schon im Familiennamen Bachmann. In manchen Kameraeinstellungen rollt diese Person die Augen derart verzückt gen Himmel, dass sie mich an ekstatische  Heiligendarstellungen erinnert. 

Sandra Hüller mimt diese Ingeborg mit ebenbürtiger Ambivalenz.  In diesen Tagen läuft der Kinofilm Rose an, in dem sie einen Mann spielt: die hohe Kunst der Metamorphose einer Schauspielerin in der Gegenwart. Ingeborg Bachmann vermochte durch das Schreiben der ihr übergestülpten Hülle zu entfliehen. Sandra Hüller streift nach neun Drehtagen in Rom diese Rolle wieder ab und gleitet in die nächste. Das ist Professionalität.


Nach der Filmpremiere im Deutschen Theater geleiteten frische Blutstropfen auf den marmorierten Steintreppen die Zuschauer*innen in das Foyer. Kein Theaterblut. Hier hatte eine Medusa Aderlass begangen. Das Sinnbild der Fruchtbarkeit liess Blut perlen, das jemand - womöglich das Sujet - zum Überschäumen gebracht hatte.


Und ich dachte an Florentina Holzinger, die indes als Glockenschlägel vor dem österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig kopfüber baumelte und die gestundete Zeit in der Vertikalen anschlug.


Heute wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Ihre  Prosa und Lyrik sind von unverminderter Aktualität und literarischer Qualität. Der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hat ebenfalls heute begonnen. Gespanntes Warten auf Weltliteratur. Auch Regina Schillings Film über Ingeborg Bachmann läuft an diesem 6. Mail 2026  in den Kinos an.  Autor*innenschaft  in Bildern erzählt. Dank sei dem Weltkino-Verleih. 

©sbf2026

07.11.2025

Embodied language meets pink paper—
a smooth takeoff into the flow, enhanced by the whispering wind.


Occasionally, severe body instructions cross our path. Most of them sound strange, like a military command to move horizontally, two by two, or in three-four time. Splitting like a cell, or lining up in a Fibonacci sequence. Climbing walls or navigating other kinds of obstacles.

Instructions for a mind-body.
Rules that keep—not the world—but at least our body in motion. At best, in connection and interaction with another body: the body of a group, or even the body of an object.

And on very rare occasions, an air current raises a sheet of paper like a whirl of leaves, dispelling every notion of bones, muscles, and flesh under pressure. The bias of the tissue is not blushing, but rosy. Pink. A rectangle underground, roughly two feet by one and a half, signed by a cascade of black letters: directions, bends, loops, knots. Words and expressions that echo in your limbic system as a reader.

Suddenly, a voice asks from the staircase:
“Do you trust me?”
One floor up, a woman with a pink strand of hair grasps the rosy paper with both hands and replies,
“Yes, I do.”
“Let it fall,” says the voice.

She opens her palms. The pink paper makes a nosedive, then begins to rise, driven by invisible forces. Grammage forms waves. Movement enrolls in paper and carries the sheet downstairs, step by step, continuously reshaped by the architecture of the wooden staircase.

In a kind of slow motion, the pink paper adapts its density to every single unevenness. The tissue snuggles against the fabric of the building effortless fluidity in the middle of the stairwell. A whistle, like a whispering gust, beats the rhythm of this song. Waved like seagrass by the wind, the paper folds and unfolds in eternal formations. It exudes a scent of freshly melting snow at a salty seaside, mixed with vetiver and rosemary. An evaporation of randomly moving particles.

The sheet follows its own rules until it makes the grade and spins at the half landing. There, it reaches out toward a pile of 1,000 sheets: a multiplicity of available body movements, delicate and fluently articulated.

Observe the landscape in the space: a random performance of a vivid paper sheet at the opening of The Future Body in Recent Past exhibition at Munich's Brandhorst Museum in 2022—moving bodies.

Human bodies are based on different flows: the lymph flow, the blood flow, and the information flow within the limbic system. Sometimes a body flows outward. Sometimes two bodies flow into each other. Eventually, they pour out into water as pulsing organisms until they evaporate.

Those moments of complete immersion and awareness: that’s what creates flow.

“Could you feel it?” the voice asks.
And the woman standing on the floor below nods.
She unwraps herself from an imaginary sheet of paper.
Her pink strand of hair forms an ampersand—
and now the flow is yours.


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